
You’ll never walk alone. Ende der 80er Jahre schmetterten die Fans des FC St. Pauli zum ersten Mal diesen Songtext auf den Rasen des Hamburger Millerntor-Stadions hinunter. Wie sehr Fans, Spieler und Verein seitdem die Komposition aus dem Broadway-Musical ‚Carousel’ verinnerlicht haben, zeigt die aktuelle Entwicklung um St.-Pauli-Torwart Benedikt Pliquett und seine Facebook-Seite.
Am 7. Mai tauchte in den Newsfeeds der etwas über 5.000 Facebook-Fans Pliquetts ein ungewöhnliches Posting auf. Pliquett schrieb von seinen ‚letzten Tagen als Profi beim Fc St. Pauli’, bedankte sich bei Fans und Spielern. Die Fans nahmen ungläubig zur Kenntnis: Pliquetts auslaufender Vertrag wird nicht verlängert, er verlässt den Verein.
Der Vorgang als solcher ist zunächst nicht spektakulär. Die Gesetze des Profi-Fußballs gelten auch am Hamburger Millerntor, zumal Pliquett als Torwart bei St. Pauli die Nummer 2 hinter Phillip Tschauner ist. Allerdings trennt sich der Kiezclub mit dem Ende der aktuellen Saison auch von seinen Sturm- und Mittelfeld-Urgesteinen Marius Ebbers und Florian Bruns. Für viele Fans ein sehr emotionaler Abschied, wie die Reaktionen in Blogs und sozialen Netzwerken zeigen.
Die Personalie Benedikt Pliquett hatte kaum einer auf dem Zettel. Zur Legende wurde er, als er am 16. Februar 2011 zwischen den Pfosten stand. Es war nicht irgendein Spiel – es war das Lokal-Derby gegen den Hamburger SV, bei dem der HSV mit einer 0:1-Niederlage gegen den ewigen Stadtrivalen die größtmögliche Blamage seiner Vereinsgeschichte kassierte. Pliquett hielt damals überragend und hatte noch eine Rechnung offen, nachdem er im Jahr zuvor von HSV-Fans überfallen worden war.
Nach Ebbers und Bruns das dritte Urgestein, das den Kiez verlässt? Unter den Fans wurde es zunehmend unruhig – die Interaktionsraten auf der Fanpage von Pliquett sind ein Beleg. Unter seinem (vermeintlichen) Abschiedsposting liefen 805 Likes und 155 Kommentare auf. 21 Fans teilten den Beitrag. Die Aktivität der Seite erreichte einen Wert von zeitweise über 10 Prozent. Ähnliche Zahlen werden bei Auftritten dieser Größenordnung nur bei Shitstorms erreicht.

Entwicklung der Interaktionen auf der Fanpage von Benedikt Pliquett: Aktivität zeitweise im zweistelligen Prozentbereich.

Reichweite des Beitrags.
Gleichzeitig erlangte das Posting eine ungewöhnlich hohe Aufmerksamkeit auf Facebook insgesamt. 22.042 Facebook-Nutzer lasen den Beitrag– viermal mehr als Pliquett Fans auf Facebook hat. Das Wachstum der kleinen Seite liegt gegenwärtig bei 11 Prozent – nur einmal erreichte die Fanpage bisher ähnliche Werte: nach den Vorfällen um das Spiel gegen Hansa Rostock im April 2012.

Wachstum der Fanpage von Benedikt Pliquett: viermal so viele Leser wie Facebook-Fans.
Die Fans beließen es nicht bei Aktivitäten auf der Fanpage des Torwarts. Die offiziellen Abgänge von Ebbers und Bruns hatten bereits Spuren hinterlassen. Sie gingen direkt zum Verein und posteten Klartext auf der offiziellen Facebook-Seite des FC St. Pauli.

Posting auf der offiziellen Fanpage des FC St. Pauli: Redet mit uns.
Die Reaktion des Vereins ließ nicht lange auf sich warten und ist in mehrfacher Hinsicht einfach FC St. Pauli. Sie ist hanseatisch knapp, direkt an die Fans gewandt und in typischem Hamburger Understatement gehalten.

Posting auf der offiziellen Fanpage des FC St. Pauli: Vollzugsmeldung nach kaum einer Woche.
Pliquett meldete auf seiner Fanpage ebenfalls Vollzug und widmete sich anschließend entspannt der Gartenarbeit. Unter diesem Posting liefen zum zweiten Mal innerhalb einer Woche Interaktionen mit Rekordwerten auf. 1.430 Gefällt mir, 157 Kommentare und 62 Shares. 25.008 Nutzer lasen das Posting – das fünffache der Pliquett-Fans auf Facebook.

Posting bei Benedikt Pliquett: Vertrag unter Dach und Fach, jetzt Gartenarbeit.
Durchaus möglich, dass die Vertragsverlängerung schon länger in der Schublade lag. Respekt dennoch, dass die Vereinsführung des FC St. Pauli die Stimmungslage der Fans auf Facebook nicht nur registriert, sondern binnen kaum einer Woche Tatsachen schafft und Missverständnisse aus dem Weg räumt. Und Anerkennung, dass die Fans auch in einem emotionalen Konflikt nahezu ohne Ausnahme korrekt bleiben – nach den Shitstorm-Exzessen der vergangenen Wochen war mit soviel Fairness nicht unbedingt zu rechnen.
Ein gutes Beispiel für das Zusammenspiel von Führungspersonal, Kickern und Fans eines Profi-Fußballvereins in einer kritischen Situation auf Facebook.
Wie es mit Verträgen im Profi-Fußball so ist – über Details sprechen wollen die Beteiligten nicht. Im Falle von Benedikt Pliquett gibt es allerdings eine undichte Stelle, denn Bene ist mein Bruder. Soviel sei verraten: Der Vertrag ist nicht nur fair, sondern ziemlich ok für Verein und Spieler. In diesem Sinne: walk on, St. Pauli.